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Neue Ruhr Zeitung

Er jazzt, er komponiert, er spielt Klavier
Der Alleskönner Uri Caine diesmal im Zusammenspiel mit Mona und Rica Bard


Jazzender Komponist oder komponierender Jazzer - die Frage erweist sich heute bei Uri Caine als ähnlich müßig wie seinerzeit zur Würdigung George Gershwins. Die stilistisch unbefangenen Amerikaner haben eine besondere Liebe zur musikalischen Grenzüberschreitung, mit der der „Artist in Residence“ jetzt auch bei der Uraufführung seiner Auftragskomposition für die Essener Philharmonie die Zuhörer anzustecken wusste.

Pianistisches Feuerwerk
Dabei begann die gegenseitige Durchdringung von improvisatorischer und „klassisch“ fixierter Musik auf getrennten Wegen, die freilich Paganinis bekannte a-Moll-Caprice als gemeinsamen Ausgangspunkt nahmen. Witold Lutoslawski hatte darüber nach allen Regeln der effektvollen Bravour seine Variationen für zwei Klaviere geschrieben. Und natürlich ließ es sich das junge Klavierduo Mona und Rica Bard nicht nehmen, sich mit einem brillanten pianistischen Feuerwerk dem Publikum vorzustellen, um das Thema dann an den Jazzpianisten weiterzugeben. Uri Caine fand in ungestümem Drive seine improvisierten Variationen, hier näher am Thema, dort ganz weit weg, von synkopischen Klangkaskaden zugedeckt und wieder hervorgezaubert. Genial!

Wie aus dem Augenblick heraus geschaffen mochte da auch „La Valse“ von Maurice Ravel in der Version für zwei Klaviere anmuten. In reicher Schattierung vermochten die Schwestern Bard die diffus-verschleierten Walzeranklänge zu quasi orchestraler Wucht zu steigern, zu überlagern und mit Schwindel erregendem Sog in den Abgrund zu stürzen.

Caines „Dances for Isadora“, das Auftragswerk für zwei Klaviere und kontrastierendes Jazz-Piano, führte schließlich in ähnlich mitreißender Wirkung die Ausführenden zueinander. In gleißend hellem Licht beleuchten die neun Sätze das glamourös-tragische Leben der Tänzerin und Frauenrechtlerin Isadora Duncan. Ungemein lebendig, dicht und hochvirtuos nimmt sich Caines Tonsprache aus, die sich jedem stilistischen Schubladendenken entzieht.


Zitate als dezent gesetzte Wegmarken

Die Grenzen verwischen vollends zwischen Ragtime-Motorik und Anklängen an die experimentelle E-Musik mit gezupften Pianosaiten. Mal brausen die beiden „klassischen“ Klaviere in vehementer Fahrt los, mal dominiert der sinnierende, körperlich mitswingende Jazzer, mal finden sie zu nahtloser Symbiose. Zitate aus Barock, Bayreuth oder Marseillaise bleiben dezent gesetzte Wegmarken bei dieser pianistischen Schwerarbeit im Prestissimo.


KLAUS ALBRECHT